Das Stereotyp überwinden – 25 Magazine, Issue 11

Das Stereotyp überwinden – 25 Magazine, Issue 11

BBrasilien ist für seine immensen Kaffeeplantagen bekannt und ist seit 150 Jahren der „größte globale Kaffeeerzeuger“.

JONAS LEME FERRARESSO stellt jedoch fest, dass dieses Land mehr zu bieten hat als großes Volumen und hochmoderne Erntemethoden – Der Kaffeeanbau in Brasilien hat in den letzten anderthalb Jahrzehnten enorme Änderungen durchlaufen und musste sich vielen Herausforderungen stellen.

Nicht nur die Tatsache, dass Brasilien schon seit langem als das Land mit der höchsten Kaffeeproduktion bekannt ist, führt dazu, dass viele Menschen „Brasilien“ mit „groß“ in Verbindung bringen. Hier ist auch die Heimat des größten Kaffeeerzeugers der Welt. Seine Ernte umfasst etwa 180.000 Säcke Kaffee auf 5.000 Hektar (ha) Landfläche. Dies entspricht in etwa einem Viertel der gesamten jährlichen Kaffeeproduktion in Kenia. Hier befindet sich auf die größte Kaffee-Kooperative der Welt mit 14.500 Mitgliedern, die pro Jahr 6 Millionen Säcke Kaffee handelt (was der gesamten Produktion von Mexiko und Costa Rica entspricht). Und ja, 90 % der brasilianischen Kaffeefelder sind mit Kaffeesorten und Abstammungslinien bestellt, die vom richtungsweisenden Instituto Agronômico de Campinas, Brasiliens wichtigstem Kaffeeforschungsinstitut entwickelt wurden. In den 132 Jahren seiner Tätigkeiten konnte dieses Institut großes wissenschaftliches Wissen ansammeln.

Wenn man dies alles weiß, lässt sich ein Stereotyp über die brasilianische Kaffeeproduktion kaum vermeiden, nicht wahr? Das mentale Bild von endlosem, mechanisch bearbeitetem Kaffeeland drängt sich auf. Aber wenn wir einen näheren Blick werfen, unterstützen die Zahlen das Stereotyp nicht: 84 % der Mitglieder dieser gigantischen Kooperative pflanzen Kaffee auf weniger als 20 Hektar an. Eine jüngste Umfrage des Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística, Brasiliens Institut für Geographie und Statistik, stützt diese Alternative: Bei 64 % der 300.000 Kaffeefarmer in Brasilien handelt es sich um „Kleinbauern“ mit weniger als 20 Ha, 19 % werden als „mittelgroß“ betrachtet (mit Anbauflächen zwischen 20 und 50 Ha), und nur 17 % haben mir als 50 Ha Kaffeeanbaufläche.

In der gleichen Befragung wurde festgestellt, dass 73 % – drei Viertel! – des brasilianischen Kaffees per Hand oder mit einer teilweise mechanisierten Methode geerntet wird, und nur 27 % der Kirschen werden vollständig mechanisch geerntet. Das Bild dieser endlosen, mechanisch bearbeiteten Felder passt jetzt nicht mehr so richtig, nicht wahr?

Kaffee in allen Schattierungen

Zwischen der Größe von Brasilien und der Wanderschaft von Kaffee über das Land gibt es jetzt Hunderte von Erzeugerregionen mit unterschiedlichen Niveaus an Technologie und agronomischen Kenntnissen. Farmer haben einzigartige Methoden entwickelt, um sich an ihre lokalen Ressourcen und Sorten anzupassen. Zwischen den unterschiedlichen Anbaumethoden und den 159 eingetragenen Kaffeesorten kann man zahllose unterschiedliche Kaffees testen.

Im Verlauf der letzten 25 Jahre habe die Farmer in den Bergregionen von Brasilien Probleme mit Investitionen und Gewinnen erlebt. Der Gegensatz zwischen den hohen Arbeits- und Aufwandkosten (Pflanzen, Düngemittel usw.) und den niedrigen Kaffeepreisen hat zu drei unterschiedlichen Herangehensweisen geführt, um Gewinne zu erwirtschaften: Manche Farmer haben ihre Ländereien veräußert und sind in die flachen, mechanisierbaren Gegenden gezogen, beispielsweise den Cerrado von Minas Gerais und andere Ländereien im Bundesland Bahia (was die Arbeitskosten ausschloss), andere haben in die Bergregionen investiert und ihre Prozesse und Technologien angepasst, um gewinnträchtigen Kaffee anzubauen (die Aufwandkosten geändert), und manche, zumeist Bergfarmer ohne großen Zugang zu Kapital haben am Erhalt der traditionellen Produktionsweisen gearbeitet.

Diese „traditionellen“ Kaffeeanbauer blicken auf eine lange Geschichte der Kaffeeproduktion zurück, manche mit 100 Jahren Familienexpertise über sechs Generationen. Diese Farmen bauen meist auf Familienarbeit auf, haben wenig Budgetkontrolle oder technische Unterstützung, verfügen jedoch über enorm viel empirisches Kaffeewissen. Diese Anbauer haben eine starke Verbindung mit ihrem Land und den Kaffeebäumen und sie haben selbst in Krisenzeiten ihr Land nicht verlassen. Die jüngste Kaffeepreiskrise hat diese „traditionelle“ Gruppe am stärksten betroffen – die letzten zwei Jahrzehnte der Kaffeepreisfluktuationen hat zur ihrer Dekapitalisierung geführt, was es ihnen unmöglich machte, in ihre Farmen so zu investieren, dass die Aussichten auf Gewinne verbessert würden: sie können weder neue Pflanzen kaufen und anpflanzen, noch ein modernes Plantagenraster umsetzen, auf neue ungeziefer- und krankheitsresistente Sorten zugreifen oder effizientere Düngemittel einkaufen.

Aufgrund all dieser Probleme haben manche Farmer ihre Kaffeeanbauflächen drastisch reduziert oder ganz eliminiert. Andere haben neue Wege zum Überleben gefunden und sich den Kopf darüber zerbrochen, wie sie für handgepflückten Kaffee neuen Wert schöpfen können. Wie zu erwarten ist manueller Kaffeeanbau teurer als mechanisierter. Die Daten von mehreren jüngsten Umfragen in Brasilien zeigen, dass er um 30 bis 50 % teurer ist. Und was bedeutet das? Weniger Gewinne.

Das Rad neu erfinden

Mitte der 1990er-Jahre war Kaffee in hervorragendes Geschäft – es war gewinnträchtig, auch bei manueller Produktion in Bergregionen. Die Bauern konnten ihren Rohkaffee überall zu fairen Preisen verkaufen. Aber mit der Preiskrise von 2002 hat sich alles geändert: Zertifikationsunternehmen begannen, ihre Standardpreise und Prämien für nachhaltige Praktiken in brasilianischen Kaffeefarmen anzubieten. Biologische Anbaupraktiken wurden auch beliebter und mehrere Farmen setzen gute Praktiken um und schöpften Mehrwert für ihren Rohkaffee. Im Verlauf der Jahre wurden jedoch weniger Prämien bezahlt, da immer mehr zertifizierter Kaffee produziert wurde. Viele Farmer haben daraufhin die Zertifikationen aufgegeben und mussten auf der Suche nach besseren Kaffeepreisen wieder von vorne anfangen.

Heute hat sich diese Suche weiterentwickelt und zu spannenden und interessanten Entwicklungen geführt. Dies möchte ich anhand eines Beispiels aus einer „traditionellen“ Region im Bundesstaat Sao Paulo illustrieren. Dieses Gebiet ist als “Circuíto das Águas Paulista” oder „Wasserregion von Sao Paulo“ bekannt und hier wird seit dem achtzehnten Jahrhundert Kaffee angebaut. Die Region ist für die einzigartigen chemischen Eigenschaften des Mineralwassers bekannt – sogar die Nobelpreisträgerin in der Chemie, Marie Skłodowska Curie, besuchte 1926 die Region.

Roberto Marchi ist die vierte Generation in seiner Familie, die das Land im Umland von Serra Negra bestellt. Einst war er ein „traditioneller“ Kaffeeanbauer, der 17 Hektar an steilen Berghängen 100 % handgepflückten Coffea arabica, in einer Höhe von 1.100 m über dem Meeresspiegel anbaute und nur an den Rohstoffmarkt verkaufte. Wie Sie sich denken können, schrumpften die Profitmargen von Roberto im Laufe der Jahre. Um im Geschäft zu bleiben, wechselte er 2015 vom traditionellen Rohstoffmanagement zu Spezialitätenkaffee-Praktiken: Neue Standards wurden eingeführt, und er arbeitet jetzt direkt mit dem Management der Kaffeefarm zusammen und versteht, wie dies die Tassenqualität beeinflussen wird. Unter der Mithilfe seiner Frau hat Roberto das Grading des Rohkaffes, Cupping und Rösten erlernt – und jetzt verkauft seine Farm gerösteten und verpackten Kaffee direkt an Kunden, Cafés und kleine Lebensmittelgeschäfte.

Kaffee am Ursprungsort zu verarbeiten und zu rösten bietet den Kunden ein einmaliges Erlebnis. Die gesamte Expertise der Farm wird in ein sensorisches Einzelerlebnis gepackt. Wir kennen das vom Wein – wie sich der Geschmack von Winzer zu Winzer und von Jahreszeit zu Jahreszeit verändert. Jetzt bietet sich uns die Möglichkeit, dies auch im Kaffee vorzustellen. Viel wichtiger verbleibt ein Großteil des Gewinns bei der Familie des Anbauers, die das Geld in die Farm und eine bessere Lebensqualität für Kaffeefarmer investieren wird. Die Idee des Röstens auf der Farm ist nicht besonders neu. Einige brasilianische Kooperativen haben bereits vor 10 Jahren begonnen, ihre eigenen Marken für den Binnenkonsum zu rösten und zu entwickeln und die Idee bald von vielen anderen aufgegriffen. Aber nach einigen Jahren haben die meisten Farmer ihre Mikroröstereien wieder aufgegeben, da ihren klar wurde, dass sie nicht genug über Röstmethoden, Verpackungsstandards, Logistik oder die Marktnachfrage wussten, um die erforderlichen Gewinne zu machen.

Aber Roberto hat einen Vorteil: in seiner Region gibt es neun Städte, und in der Region herrschen kleine bis mittelgroße Kaffeeerzeuger vor. Sie haben vor kurzem einen lokalen Verband für Anbauer von Spezialitätenkaffee gegründet, die Associaçao dos Produtores de Cafés Especiais do Circuíto das Águas Paulista (ACECAP), und arbeiten jetzt daran, für ihren Kaffee als eine geografische Herkunftsangabe von Brasilien anerkannt zu werden.

Silvia Kurebayashi (right) grows certified organic coffee on two hectares of land. Here, she works with Jonas (left) to develop a roast profile that best suits her coffee.

Silvia Kurebayashi (rechts) baut auf zwei Hektar Land zertifizierten Kaffee aus biologischem Anbau an. Hier arbeitet sie mit Jonas (links) an einem Röstprofil, das am besten zu ihrem Kaffee passt.

Die meisten Kaffeefarmer der ACECAP rösten bereits ihren eigenen Kaffee, suchen diese einmalige Identität und schöpfen Mehrwert für ihre Arbeit. Der Kaffeemarkt ist sehr dynamisch und komplex, aber dieser Trend des Röstens auf der Farm zeigt, wie man neue Modelle und Ideen erdenken und entwickeln kann, neue Wege finden, um dieses beliebte Getränk profitabel, fair und in der gesamten Kaffeekette transparent zu machen. Die Spezialitätenkaffeekette wird nicht nur wegen der Qualität des Kaffees, sondern auch der Menschen, die ihn erzeugen, zu etwas ganz Besonderem.

JONAS LEME FERRARESSO ist ein Agronom und Experte im Spezialitätenkaffe, der in der Regiao do Circuíto das Águas Paulista in der gesamten Wertkette des Kaffees tätig ist.

Von Norden nach Süden

Der Weg des Kaffees in Brasilien wird nicht nur durch die Anzahl der Jahre markiert, sondern durch eine Verschiebung von Norden nach Süden, mit dem Wandel der Bedingungen und Märkte. Kurz nach seiner Einführung im Land im Jahr 1727 wurde Kaffee in den nordbrasilianischen Bundesstaaten Pará und Maranhao angebaut. Hundert Jahre später, Mitte der 1820er-Jahre, konzentrierte sich der Kaffeeanbau um den südöstlichen Bundesstaat Rio de Janeiro. Bodenverarmung – und ein Mangel an konsolidierten Düngemethoden – führte dazu, dass Kaffee in den 1850er-Jahren erneut verlagert wurde, in den Nachbarstaat von Sao Paulo. Dort erlebte er einen zweiten Boom bis zum Börsencrash von 1929, der viele Farmer in den Konkurs trieb. Schließlich verlagerte sich die Industrie in den 1950er-Jahren erneut in den noch südlicher gelegeneren Bundesstaat Paraná. Die Böden dieser Region eignen sich gut für den Kaffeeanbau, aber es herrscht ein ständiges Problem mit Frost und Polarluft. Viele Farmer mussten erhebliche Verluste erleiden, was zur letzten großen Verlagerung des Kaffes in den etwas nördlicher gelegeneren Bundesstaat Minas Gerais in den 1970er-Jahren führte. Heute wird in Minas Gerais die Hälfte des gesamten brasilianischen Kaffees erzeugt. 2018 wurden 33,6 Millionen Säcke Kaffee mit einem Gewicht von 60 kg geerntet. Wäre Minas Gerais ein Land, wäre der Bundesstaat der größte Kaffeeerzeuger der Welt!

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