Lokaler Genuss – 25 Magazine, Issue 10

Lokaler Genuss – 25 Magazine, Issue 10

EEs ist an der Zeit, erneut darüber nachzudenken, welche Möglichkeiten sich Kaffeeproduzenten bieten, um die Verbraucher von Spezialitätenkaffee in ihren eigenen Ländern anzusprechen.

VICENTE PARTIDA hat sich mit der Entwicklungsökonomin und SCA-Vorstandsmitglied VERA ESPINDOLA RAFAEL unterhalten, um mehr über die vorläufigen Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu erfahren, in dem sie die Industrie aufgefordert, die weit verbreitete Exportorientierung im Kaffeeanbau zu überdenken.

Mit teilweiser Förderung der SCA führte Vera eine Befragung von Kaffeeerzeugern, Käufern, Röstern und Café-Besitzern in Städten in Mexiko, Brasilien, Kolumbien und Ruanda durch. Auf diese Weise entstand eine Momentaufnahme des Spezialitätenkaffee-Konsums in Ländern, die traditionellerweise als Erzeuger, nicht als Konsumenten gelten. Sie wollte verstehen, ob und falls ja, welchen Wert Produzenten durch den Binnenverkauf erzielen konnten. Hier bespricht Vera mit Vincente die vorläufigen Ergebnisse ihrer Arbeit, die die SCA später im Jahr vollständig veröffentlichen wird.

Vicente Partida: In Ihrem Re:co-Vortrag im April haben Sie erwähnt, dass Sie Ihre aktuellen Forschungsarbeiten schon lange geplant hatten. Erzählen Sie uns ein bisschen über Ihre Arbeit und Ihre professionellen Interessengebiete.

Vera Espindola Rafael: Die Landwirtschaft im Allgemeinen hat mich schon immer sehr interessiert, vor allem aus der Sicht der wirtschaftlichen Entwicklung und des wirtschaftlichen Wohlstands von Ländern. Insbesondere fokussiere ich mich auf die ländliche Entwicklung und wie Produzenten mehr für ihre Erzeugnisse erhalten können, denn dies ist ein andauerndes Problem. Und genau so kam ich erstmalig mit Kaffee in Kontakt: Anacafé in Guatemala hatte mich 2005 mit einer Aanalyse der Kaffeewertkette in Mittelamerika beauftragt. Von diesem Ausgangspunkt aus habe ich mehr über die Lieferkette erfahren und wie Kaffee beim Verbraucher landet. Für mich war klar, dass die Mehrheit der Arbeit – und auch des Risikos – bei den Produzenten auf Organisationsebene liegt, und dass wir für Produzenten nicht genug Wert schöpfen. Ich wollte sehen, ob Intervention dies erreichen könnte. Nach meinem Universitätsabschluss als Entwicklungsökonomin habe ich bei UTZ im Bereich der Zertifizierung gearbeitet. Ich fing an, mehr über andere wirtschaftliche Umfelder zu lernen, beispielsweise den Kontext in Ostafrika oder im Raum Asien-Pazifik, und natürlich auch andere lateinamerikanische Länder.

VP: In Ihrem jüngsten Forschungsprojekt haben Sie den Spezialitätenkaffeeverbrauch in Ländern untersucht, die normalerweise als kaffeeerzeugende Länder gelten. Was wollten Sie zu Beginn der Studie untersuchen oder besser verstehen?

VERA: Als ich 2016 nach Mexico City zog, gab es viele kleine Cafés – und viele Spezialitäten-Cafés – in denen sehr hochwertiger Kaffee angeboten wurde. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich bereits mit Ric Rhinehart über den Spezialitätenkaffee in Allgemeinen unterhalten. Als mir dies jedoch aufgefallen war, entwickelten sich unsere Gespräche in Richtung der Frage: „Was wäre, wenn sich diese Länder mehr auf den Konsum dieser Verbrauchergruppe konzentrieren würden?“ Ich hatte Anekdoten von Café-Besitzern und Röstern in Erzeugerländern gehört, die die Erzeuger sehr fair bezahlten, aber auch von Importeuren / Röstern, denen es schwerer fiel, Kaffee zu beziehen, weil er von der lokalen Konkurrenz höher bewertet wurde. Dies wollte ich gründlicher untersuchen – geschieht dies wirklich, und falls ja, wie? Man geht eigentlich davon aus, dass man für etwas, das man lokal einkauft, weniger zahlt als den Exportpreis, bei dem mehr Wert geschaffen wird. Diese Geschichten verwiesen darauf, dass der Wert – der meist am Ende der Kette lag – im eigentlichen Erzeugerland entstand. Unter anderem wollten wir also die Frage beantworten: „Welchen Preis erhalten Produzenten, wenn sie ihren Spezialitätenkaffee auf dem nationalen Markt verkaufen verglichen zum Exportpreise.

VP: Diese Idee möchte ich noch einmal aufgreifen, denn sie ist wichtig. In den vergangenen Jahrzehnten war man stets davon ausgegangen, dass Rohstofferzeuger durch Export am besten Mehrwert und höhere Preise erzielen können. Hier wollten Sie diese Annahme anfechten?

VERA: Ja, diese Annahme wollte ich anfechten. Und ich wollte noch eine andere Annahme anfechten, wenn sie trifft leider besonders im Bereich Kaffee zu. Bei dieser Annahme wird davon ausgegangen, dass der beste Kaffee exportiert wird, weil die lokalen Verbraucher nicht wissen, was sie haben. Und meines Erachtens nach mag dies vor vielleicht zehn Jahren noch richtig gewesen sein, aber in den letzten zehn Jahren habe ich in manchen dieser Cafés hervorragenden Kaffee genossen. Als ich also diese Anekdoten hörte – besonders dass lokale Einkäufer die europäischen Käufer überboten – wollte ich wissen, was dahintersteckte. Warum zahlen lokale Käufer mehr? Dies war der Leitfaden für die erste Studie, die war dann auf vier andere Länder ausgeweitet haben: Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Ruanda.

VP: Sie wollten also zwei Themenbereiche unter die Lupe nehmen: zum einen wollten Sie die Annahme herausfordern, dass Verbraucher in den Erzeugerländern von Spezialitätenkaffee nicht verstehen, was Spezialitätenkaffee ist („Wie sieht der Konsum von Spezialitätenkaffee in diesen Ländern aus?“). Zum anderen wollten Sie die Preisunterschiede zwischen Verkäufen auf dem Binnen- und dem Exportmarkt verstehen, falls es welche gab („Welche Preise erzielen Produzenten auf dem Binnenmarkt im Vergleich zu den Exportpreisen?“). Wie beantworten Sie diese Fragen?

VERA: Wir kamen früh zu dem Schluss, dass dies Fallstudien waren, denn wir wollten die allgemeinen Trends verstehen – was stellten wir fest? In den Fallstudien habe ich mich auf Spezialitäten-Cafés und -Röstereien konzentriert, die bekanntermaßen Kaffeesorten mit einer Qualitätswertung über 80 Punkten servierten, und bin nicht der Definition der SCA gefolgt, ob der größte Teil des Umsatzes im Kaffee lag. Welche Kaffee-Qualität wurde serviert? War das Unternehmen bekannt für hochwertigen Kaffee? Wurden Sie von Gleichgestellten dafür geschätzt?

Manchmal ist dies ziemlich schwierig, weil keine Zertifikation oder Regulierung dahintersteckt. Diese Cafés genossen ganz einfach in der Spezialitätenkaffee-Community den Ruf, guten Kaffee mit einem Qualitätswert von 80 Punkten zu servieren.

VP: Wie haben Sie diese Cafés in den verschiedenen Ländern ausfindig gemacht?

VERA: In Mexiko war mir die Lage vertrauter. Wir haben dort also die Hauptstadt verlasen und zwei andere Städte – Guadalajara und San Cristóbal de las Casas – mit einbezogen und nutzten dort einige Fallbeispiele. In vielen Ländern kann man davon ausgehen, dass in der Hauptstadt die aktuellsten Trends vorherrschen, aber hier gab es [Spezialitäten]-Cafés außerhalb der Hauptstadt. Deshalb wollte ich sie mit in die Stichprobe einbeziehen.

In Kolumbien habe ich mich auf mir bekannte Erzeuger von Spezialitäten-Kaffee verlassen, die mir sagten: „Das sind die Spezialitäten-Cafés in Bogota, dies sind die Röstereien.“ In Brasilien hat mich eine Ansprechpartnerin – in diesem Fall Kelly Stein – mit den Spezialitäten-Cafés in ganz Brasilien in Kontakt gebracht. Es gibt also ein gewisses Netz.

VP: Und dann haben Sie Interviews abgehalten? Um welche Art von Informationen ging es?

VERA: Ja, Interviews und Besuche vor Ort. Wir haben die Röster und einige Produzenten besucht – nicht alle, aber besonders in Kolumbien und Mexiko haben wir einige Erzeuger besucht.

Sie waren alle sehr interessiert – oder überrascht? – dass die SCA mehr darüber erfahren wollte, was sich in den Erzeugerländen nicht aus Erzeuger- sondern aus Verbrauchersicht tat. Bisher hat die „Verbraucherwissenschaft“ nur das Verhalten in „traditionellen“ Märkten wie den USA, der EU und Asien verfolgt. Der definierende Verbrauchermarkt ist die USA und man versteht auch das Interesse an Südkorea und Japan. Aber sie fanden es interessant zu sehen, dass wir Fragen über ihren Konsum stellten. Daher waren sie sehr bereit, offen ihre vertraulichen Zahlen auszutauschen. Denn alles, was mit Preis zu tun hat, ist sensibel. Aber sie haben die von uns gestellten Fragen gerne beantwortet: Woher beziehen Sie? Von welchen Produzenten kaufen Sie ein? Wo befinden sie sich? Welchen Preis zahlen Sie auf der Farm?

VP: Und welche Erkenntnisse haben Sie bisher aus den Antworten gezogen?

VERA: Als wir Informationen über die Geschichte des Kaffeekonsums an jedem Ort sammelten, wollten wir unter anderem erkennen, wo die Dinge ihren Ausgang nahmen. Wann haben die Spezialitäten-Cafés in bestimmten Städten begonnen? Ich will keine Trends für ganze Land ableiten, denn hierbei handelt es sich nur um Fallbeispiele in diesen Städten. Aber man hörte von Kleinunternehmen, die ein Café gründeten, und das spaltete sich auf und wurde größer, und so kam eines auf das andere. In jedem Fall ergab sich eine Folge von Ereignissen und Aktivitäten.

Carlos Guamanga, specialty coffee producer in Huila, Colombia.

Carlos Guamanga, Spezialitätenkaffee-Erzeuger in Huila, Kolumbien.

Die Frage nach dem, was die Produzenten bekamen – die ich auf der Re:co präsentiert haben – hat selbst mich überrascht. In Brasilien und Kolumbien hat man nicht mehr bezahlt, aber die Preise ab Hof waren im Vergleich zum “Free on Board” (FOB) Preis wettbewerbsfähig.[1] Im Fall von Mexiko lagen die Ab-Hof-Preise für Produzenten sogar höher als der momentane FOB-Preis. Jeder war schockiert und blickte mich ungläubig an: „Das kann doch gar nicht sein“. Fallstudien sind nicht unbedingt repräsentativ, aber sie können Trends aufweisen. Und hier handelt es sich um eine Marktnische – Spezialitäten-Cafés, Spezialitätenkaffee-Röster. Sie konzentrieren sich auf einen besonderen Teil eines Produkts. Ein Erzeuger erzeugt nicht nur Spezialitätenkaffee, das ist nur ein Teil ihrer Produktion. Abgesehen von der grundlegenden Frage: „Welche Preise erhalten Produzenten?“ arbeiten jetzt in den Berichten auch an der Frage: „Welches Potenzial besteht?“ Und jetzt geht es auch um die sehr wichtige Frage: „Sollte darin mehr investiert werden?“ Sollte beispielsweise Kolumbien, wo wir auf dem Verbrauchermarkt großartige Verbraucherkampagnen gesehen haben, mehr in den Spezialitätenkaffeekonsum auf dem nationalen Markt investieren, damit die Produzenten davon profitieren können?

Produzierende Länder haben sich immer auf die andere Seite des Teichs oder ihren Nachbarn im Norden konzentriert – was wird dort konsumiert und wie kann ich dort meinen Kaffee verkaufen? Dadurch entsteht enormer Druck. Sie sind von Verbrauchern jenseits Ihrer Kultur abhängig, und Sie müssen hart daran arbeiten, um ihre Bedürfnisse und Wünsche zu verstehen und Ihre Tätigkeiten entsprechend anpassen. Was wäre, wenn sich hier Gelegenheiten für Länder ergeben würden, um sich darauf zu konzentrieren, was sie verbrauchen möchten? Welche demografischen Trends sind hier im Spiel? Warum gibt ein 20 Jahre alter Student in Mexiko einen großen Anteil seines Einkommens für Spezialitätenkaffee aus?

Forte, Cuidad de México.

Forte, Cuidad de México.

VP: Sie haben erwähnt, dass es Ihrer Meinung nach größere Möglichkeiten für Erzeugerländer geben könnte, besonders für Organisationen, die Interessen vertreten und fördern, um den Markt zu beeinflussen und den Verbrauch im Binnenmarkt zu erhöhen und zu fördern, da sie natürlich die Verbraucher in dem Markt besser kennen als im Ausland.

VERA: Ja, ihr Einflussbereich ist viel größer bei Verbrauchern im eigenen Land als im Ausland. Anstelle „größere Möglichkeit“ würde ich eher „sehr gute Möglichkeit“ sagen, und im Fall von Mexiko „sehr interessante Möglichkeit, wenn man beachtet, dass die Spezialitätenkaffeeröster im Vergleich zu Röstern außerhalb von Mexiko sehr gute Preise bieten. Welchen Wert schaffen diese Möglichkeiten? Und das basiert nur auf dem, was wir jetzt verbrauchen. Wir sollten uns also fragen, wo der Trend hinführt. Er basiert auf Demografien, Einkommen und der sozialen Relevanz in bestimmten Gesellschaften. Wir können dies noch mehr in unseren Ländern untersuchen. Wir sollten in ein Verständnis und mehr Wissen über den Verbrauch investieren. In der Mehrzahl der „erzeugenden“ Ländern gibt es keine guten Verbrauchsstudien. Meistens kann man höchstens sagen: „Wir produzieren so viel, wir importieren so viel, wir exportieren so viel, das ist also unser Verbrauch.“ Das ist eine gute Zahl. Die Hausaufgaben wurden gut gemacht. Aber was verbrauchen wir?

Diese Länder konzentrieren sich auf Studien über andere Länder – wie alt sind Verbraucher, und auf welchen Markt sollte ich mich konzentrieren, Japan oder Taiwan? Natürlich ist das auch wichtig und darf nicht übersehen werden. Aber dabei sollte man sein eigenes Land, seine eigenen Gepflogenheiten und ihre Entwicklungen nicht außer Acht lassen.

Letztendlich ist das für mich ein wichtiger Punkt: Man kann erkennen, dass diese Erzeuger bessere Umstände oder die Möglichkeit haben, sehr guten Kaffee zu sehr gutem Preis zu verkaufen, um Gegensatz zu anderen, denen sich diese Gelegenheit nicht bietet. Außerdem geht es darum, dass man kleine und mittelständische Unternehmer aus eigener Tasche investieren. Sie sind diejenigen, die ihren Verbrauchern vermitteln, was gute Qualität und Spezialitätenkaffee ist, und beeinflussen, in welche Richtung sich der Spezialitätenkaffee in diesen Ländern entwickeln wird und als Botschafter agieren. Hier wird Spezialitätenkaffee ganz anders betrachtet und ich will aus einem meiner Fallbeispiele zitieren: „Ich möchte meinen Verbrauchern hier den hochwertigsten Kaffee aus meinem Land servieren.“

VERA ESPINDOLA RAFAEL ist eine Entwicklungsökonomin und Gründerin von CHIHUA Consulting. Das Unternehmen konzentriert sich auf nachhaltige und einbeziehende Interventionen, von denen alle Akteure in der Kaffee- und Kakao-Wertkette profitieren.

[1] FOB, oder „Fracht an Bord“ bezeichnet die Gesamtkosten des Produzierens und Lieferns von Rohkaffee an den nächsten Hafen. Ab diesem Punkt sind die Käufer für die zusätzlichen Versandkosten und andere Gebühren zuständig, die entstehen, um die Ware an ihren Empfangsort zu transportieren.

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