Äthiopien kartieren – 25 Magazine: Issue 4

Äthiopien kartieren – 25 Magazine: Issue 4

WWas den Kaffee angeht, muss Äthiopien nicht erst vorgestellt werden. Das Land gilt als der Ursprung von Arabica und ist
für seine vielfältigen einzigartigen Geschmacksprofile bekannt. Unter Baristas wie Kaffeekennern gilt es immer wieder als eines der beliebtesten Erzeugerländer. Aber wie gut kennen wir dieses große, abwechslungsreiche Ursprungsland?

Nicht besonders gut, stellt sich heraus – bis jetzt. Mit einem Team an Forschungskollegen begann DR. AARON DAVIS vor fünf Jahren damit, die äthiopische Kaffeelandschaft zu kartieren. Was folgte war eine außergewöhnliche Reise durch eines der wichtigsten Erzeugerländer in Afrika.

2013 leitete ein Team am Royal Botanic Gardens, Kew in Großbritannien und in Addis Abeba, Äthiopien ein dreijähriges Projekt ein, um die Auswirkungen und Möglichkeiten für den Kaffeeanbau in Äthiopien unter beschleunigtem Klimawandel zu untersuchen. Eine unserer ersten wichtigen Aufgaben bestand darin, einen Überblick darüber zu erhalten, wo Kaffee in Äthiopien angebaut und geerntet wurde. Zu diesem Zweck haben wir unsere bisherigen Studien der wilden Kaffeewälder in Äthiopien und der Kaffeeanbaugebiete herbeigezogen, wie wir in Feldstudien ermittelt haben, und dann die verfügbare Literatur geprüft, um die Lücken zu füllen. Aufgabe erledigt – so dachten wir jedenfalls.

The Kew part of the Coffee Atlas of Ethiopia team, from left to right: Jenny Williams, Tim Wilkinson, Aaron Davis, Susana Baena,
and Justin Moat. Image: David Post.

 

Einige Monate später besuchten wir mit unserer provisorischen Karte Addis Abeba, wo sich Vertreter der äthiopischen Akademie und des Kaffeesektors versammelt hatten, um uns dringend nötige Beratung zu geben. Als wir ihnen unseren Kartenentwurf der kaffeeerzeugenden Gebiete zeigten, wurde deutlich, dass die Kaffeelandschaft von Äthiopien viel größer und komplexer als gedacht war.

Anhand von Satellitendaten von NASA und Computermodellen konnten wir die Kaffeegebiete von Äthiopien von unseren Büros aus kartieren. Viele Forscher geben sich damit zufrieden. Wir wollten diese Daten jedoch vor Ort prüfen, und zwar anhand einer Aktivität, die als „Ground-Truthing“ bekannt ist. Und im Anbetracht dessen, was wir im ersten Workshop erfahren hatten, würden wir dafür eine ziemlich weite Strecke zurücklegen müssen. Äthiopien ist zwar acht Mal kleiner als Brasilien, aber dreimal größer als Vietnam und entspricht in etwa der Größe von Kolumbien. Im Verlauf von drei Jahren führten wir insgesamt 16 Feldexpeditionen durch, deckten dabei schätzungsweise 35.000 Kilometer ab (hauptsächlich im Auto), und besuchten alle wichtigsten und die meisten der kleineren Kaffeeanbaugebiete. Manche Gebiete suchten wir mehrere Male auf. Wir haben uns Farmen und Forste angesehen, um die zahlreichen Variablen zu bewerten, aber vor allen Dingen, um die Gesundheit (und insbesondere klimabezügliche Belastungen) und Produktivität der Kaffeesträucher zu betrachten und an bestimmten Standorten detaillierte Klimaaufzeichnungen zu erstellen. Wir haben uns außerdem mit Farmern über ihre Erfahrungen beim Kaffeeanbau und ihrer lokalen Umwelt unterhalten und dabei nicht nur Informationen für jedes Jahr, sondern auch über längere, Generationen umfassende Zeiträume von beinahe 100 Jahren gesammelt. Die aus dem Ground-Truthing gesammelten Informationen waren ausschlaggebend für die Bewertung und Validierung unserer Modelle über den Klimawandel. Als wir dies jedoch abgeschlossen hatten, dachten wir, dass unsere Kartierungsdaten vielleicht auch noch anderen Zwecken dienen könnten.

Landsat 8 false color composite satellite image for West Arsi and a part of the Sidamo coffee area, south-east of Hawassa. The bright red represents forest and forest-like vegetation, including coffee forest, and the lighter colors mainly represent cultivated and pastoral activities. Image: Landsat 8, United States Geological Survey (2015).

 

Ursprünglich waren wir davon ausgegangen, dann eine einfache Kartenserie für Leute nützlich sein könnte, die in Äthiopien im Kaffeesektor arbeiteten, vielleicht Rohkaffeekäufer. Es hat nicht lange gedauert, bis sich diese Idee in etwas viel Ehrgeizigeres und Komplexeres weiterentwickelte. Zwei Mitglieder des Projektteams in Kew, Tim Wilkinson und Justin Moat, sind erfahrene Kartographen. Tim und Justin dachten, dass eine einfache Kaffeekarte nützlich sein könnte, aber ohne Straßen, Städte, Flüsse, Seen und Topografie (Anhöhe, Berge und Hochländer), die unter Kartographen als „Ebenen“ bezeichnet werden, würden den Karten der Kontext fehlen. Dies bedeutete beträchtliche Mehrarbeit, aber schließlich erstellten wir die erste Version unserer Kaffeekarten für Äthiopien, die wir den Coffee Atlas of Ethiopia nannten.

Einige Monate später, jetzt am Ende unseres Dreijahresprojekts, befanden wird uns wieder in Äthiopien. Es waren mehr Reisen und das erste Testen des Atlas geplant. Für die ersten paar hundert Kilometer ging alles gut, aber dann kam es zu ersten Problemen. Viele Städte befanden sich an der falschen Stelle, manche nur um wenige Kilometer, andere weitaus weiter entfernt. Und auch einige Straßen verliefen nicht da, wo die Karten sie zeigten. Zum Teil lag das an der Genauigkeit der eingeholten Kartierungsdaten: Äthiopien ist generell nicht sehr gut kartiert. Das wird deutlich, wenn man sich die (wenigen) erhältlichen Touristenkarten und Google Earth ansieht. In vielen Gebieten sind die Kartierungsdaten für Äthiopien sehr spärlich und ungenau. Außerdem sind Dörfer zu Städten angewachsen, es wurden viele neue Straßen gebaut oder ausgebaut, während andere in Vergessenheit geraten oder verfallen sind. Jetzt mussten wir selbst viel grundlegende Kartographie durchführen. Zum Glück waren noch einige weitere Ausflüge nach Äthiopien geplant, was uns die Gelegenheit gab, einen Großteil der Kartierungsdaten durch Beobachtungen vor Ort auf den laufenden Stand zu bringen. Damit hieß es wieder zurück an den Computer: mit unseren neuen Felddaten und der Hilfe von Satellitenaufnahmen machten wir uns daran, einen Atlas zu produzieren, der zuverlässiger und damit auch nützlicher sein würde.

Auf unseren Reisen rund um Äthiopien bestand ein besonderes Vergnügen darin, den Kaffee von jedem Ursprungsort, den wir besuchten, aus erster Hand zu kosten. Und wo es möglich war, nahmen wir Proben mit, um sie in Großbritannien einer gründlichen sensorischen Evaluierung zu unterziehen.  Da Arabica-Kaffee in Äthiopien heimisch ist und dort natürlich in der Wildnis gedeiht, ist der genetisch viel vielfältiger als in anderen Erzeugerländern von Arabica.

Darüber hinaus weist die DNA-Vielfalt des äthiopischen Arabica ein auffallendes geographisches Muster auf. Vereint mit den unterschiedlichen Klimagegebenheiten an jedem Ursprungsort entsteht dabei eine breite Palette an Geschmacksprofilen. Bei den Kostproben in Äthiopien und den ausführlichen Cupping-Sitzungen in Großbritannien ergaben sich einige Überraschungen. Es wurde deutlich, dass viele der einzigartigen und interessanten Geschmackserlebnisse außerhalb von Äthiopien kaum bekannt waren, und dass es mehrere Ursprünge waren, die von Anbietern von Spezialitätenkaffee kaum oder gar nicht erschlossen waren.

 

In vielen Fällen war es jedoch schwer, ein bestimmtes Geschmacksprofil ausreichend gut zu verstehen. Dies lag an Qualitätsproblemen, hauptsächlich in der Verarbeitung auf Farmebene. Was die sensorische Wahrnehmung angeht, muss mit äthiopischen Kaffee noch viel getan werden. Zuvor muss die Qualität aber noch stark verbessert werden. Es wurde außerdem deutlich, dass die physischen und sensorischen Eigenschaften das Kaffees aus einer einzelnen Region stark vom Klima, insbesondere vom Niederschlag und der Bodenfruchtbarkeit beeinflusst wurde.

Anfangs war der Coffee Atlas of Ethiopia für eine Zielgruppe gedacht, die im Kaffeesektor in Äthiopien beschäftigt waren, hauptsächlich im öffentlichen Bereich, im Entwicklungssektor und der wissenschaftlichen Forschung. Als wir jedoch die allgemeine Kaffee-Community informierten, stellte sich heraus, dass an unserer Arbeit Interesse bestand. Das lag nicht nur daran, dass Leute, die im Bereich Kaffee arbeiten, generell sehr neugierig sind und Informationen zu schätzen wissen, sondern auch, weil ein Atlas praktische Vorteile bot. Ein gutes Beispiel wären Leute, die ein Ursprungsland besuchen, ob im Urlaub oder auf Geschäftsreisen. Man stellt sich vielleicht Fragen wie: Wo genau sind diese Kaffeegebiete, Kaffeewälder und verschiedenen Ursprünge? Wie gelange ich dahin und wie weit entfernt sind sie? Auf den Seiten des Atlas haben wir auch andere Karteninformationen bereitgestellt, die für Äthiopien-Reisende hilfreich sein können, z. B. Flughäfen, die Einstufung der Straßentypen (Haupt- und Nebenstraßen), und die regionalen Hauptstädte und wichtigen Orte.

An diesen größeren Orten findet man vermutlich auch gute Infrastruktureinrichtungen wie Tankstellen, Restaurants und Unterkünfte. Einige der Touristenkarten, die wir in den Anfangstagen des Projekts verwendeten, führten uns zu sehr fragwürdigen Unterkünften. Mit am schlimmsten war ein kleines Hotel, das nebenher noch als provisorische Tankstelle diente. Benzin und Diesel wurden direkt unter unseren Gästezimmern gelagert. Die Dünste brannten in unseren Augen, während wir die ganze Nacht wach lagen und uns sorgten, dass sich jemand eine Zigarette anzünden könnte. Andere Male ging uns der Treibstoff aus, nachdem wir in einer angeblichen „großen Stadt“ eintrafen, aber nur eine kleine Ansiedelung ohne Tankstelle vorfanden.

Für Leute, die keine unmittelbaren Reisepläne für Äthiopien haben, hoffen wir, dass der Atlas immer noch interessant und nützlich sein wird. Vor allen Dingen Röstern haben wir bereits mit dem Standort und der Klassifizierung unterschiedlicher Ursprungsorte helfen können. Es gibt häufige Anfragen zum Standort von Gesha, Guji und West Arsi, und wir konnten die zahlreichen einzigartigen Sidamo-Ursprünge von Yirgacheffe unterscheiden.

Insgesamt umfasst der Coffee Atlas of Ethiopia 40 A4-Seiten mit Karten, die von Ortsverzeichnis und anderen Elementen auf den Karten begleitet werden. Die Karten zeigen, wo der Kaffee angebaut wird (Wald/Schattenbäume) und angebaut werden könnte (kein Wald), die klimatische Eignung dieser Gebiete für den Kaffeeanbau (hervorragend, gut und ausreichend), wo der wilde Kaffee vorkommt und die Orte der Kaffeegartenbereiche (kleinrahmige Kaffeeproduktion, vorrangig ohne Schattenbäume). Die Kaffeelandschaft ist in fünf Kaffeezonen und 16 Kaffeebereiche unterteilt. Die Karten haben einen Maßstab von 1:500.000; im Vergleich hat eine typische Straßenkarte für Touristen einen Maßstab von 1:1.600.000. Die Karten werden von 61 Seiten mit Texten und Abbildungen begleitet. Drei Kapitel behandeln die grundlegenden geografischen Informationen, kartografische Vorgehensweisen und wie der Atlas zu verwenden ist. Dann folgen sieben kaffeespezifische Kapitel einschließlich der Nutzung und des Konsums von Kaffee, der Botanik von Arabica-Kaffee, das Kaffeeklima, Agrarökologie, Kaffeeanbau, -ernte und -verarbeitung und ein Überblick über die Kaffeebereiche. Der Atlas ist seit Februar 2018 im Verkauf erhältlich. Die Einkünfte aus dieser gemeinnützigen Veröffentlichung werden zur Weiterentwicklung des Atlas verwendet. Wir hoffen, ihn in äthiopischen Sprachen herausbringen zu können. Dieser Band wird hoffentlich einen besseren Einblick in dieses ganz besondere Ursprungsland ermöglichen.

AARON DAVIS ist ein Forschungsleiter für Pflanzenressourcen und Leiter der Kaffeeforschung an den Royal Botanic Gardens, Kew (Großbritannien).

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