Terroir schützen – 25 Magazine: Issue 3

Terroir schützen – 25 Magazine: Issue 3

WWas macht ein Lebensmittel für eine Region einzigartig und wie werden diese Lebensmittel in der EU und in anderen Ländern gesetzlich geschützt?

RUTH HEGARTY untersucht die Vor- und Nachteile von Ursprungsbezeichnungen.

Prosciutto di Parma oder „Parma-Schinken“ wird mit einer Krone gekennzeichnet, in der das Wort „PARMA“ prangt. Diese Krone wurde ihm vom Consorzi, (Herstellerkonsortium) verliehen, das die Produktion und das Marketing überwacht. Auf dem verpackten Produkt finden Sie ein weiteres Gütezeichen, ein rundes, rot-gelbes Logo mit einer ländlichen Szene und den Worten „geschützte Ursprungsbezeichnung“.  Dieses Ursprungszertifikat ist eines von drei Programmen, mit denen unter der Lebensmittelqualitätspolitik der EU Lebensmittelbezeichnungen geschützt werden.

Das Zertifikat zeigt an, dass die Produktbezeichnung mit der geografischen Angabe, in diesem Fall Parma, unter europäischem Recht geschützt ist, da erwiesen wurde, dass eine wesentliche Verbindung mit dem Produktionsort besteht, eine einzigartige Eigenschaft, die mit diesem Ort verknüpft ist.

Ein Produkt mit dem geschützten Namen Parmaschinken oder Prosciutto di Parma muss präzise Anforderungen erfüllen: es darf nur von den Hinterbeinen bestimmter traditioneller Schweinerassen stammen, die nach bestimmten Standards gezüchtet werden, und die Schinken müssen in der Gegend Parma in der Region Emilia-Romagna in Italien herstellt werden, wobei nur Salz, Luft und Zeit zur Anwendung kommen – keinerlei weitere Zusatz- oder Konservierungsmittel dürfen verwendet werden. Die Produktionsstandards und -methoden, beispielsweise wie lange der Schinken reift (mindestens 400 Tage) werden vorgeschrieben, aber ein wichtiger Schutzfaktor ist weniger greifbar – das „Terroir“. Die Hersteller von Prosciutto di Parma glauben, dass es die „süße, trockene, aromatische Bergluft“ der Emilia-Romagna ist, die dem Schinken seinen einzigartigen, ganz besonderen Charakter verleiht. Vereint mit der seit der Römerzeit entwickelten lokalen Expertise bedeutet dies, dass dieses Produkt sonst nirgendwo anders produziert werden kann und daher nur Schinken aus dieser Region auch die Bezeichnung Parma-Schinken tragen darf. Diese geografische Angabe schützt die Erzeuger in der Region und garantiert die Qualität des Produkts.

Was sind geografische Angaben?

Eine geografische Angabe auf einem Lebensmittel, Getränk oder landwirtschaftlichem Produkt ist eine Bezeichnung, die nicht nur den geografischen Ursprung eines Produkts angibt, sondern auch auf eine mit dieser Region in Verbindung gebrachte Qualität, Eigenschaft oder Reputation hinweist. Derartige Bezeichnungen zeigen nicht, woher ein Produkt stammt, sondern betonen auch die starke Verbindung zwischen dem Produkt und dem Produktionsort, da die Qualität von diesem Ort abhängt.

Die EU-Vorschriften für geografische Angaben wurden 1992 eingeführt und basieren stark auf den älteren bereits in Frankreich und anderen südeuropäischen Mitgliedsstaaten vorhandenen Systemen, die sehr vom Konzept des „Terroir“ beeinflusst wurden.  In der EU gibt es drei Zertifikate, um die Qualität regionaler Traditionen und Spezialitäten zu schützen. Die geschützte Ursprungsbezeichnung, mit denen Parma-Schinken und andere Produkte wie Champagner anerkannt werden, ist das strikteste Gütesiegel, das die stärkstmögliche Verbindung mit dem Gebiet impliziert. Es ist Produkten vorenthalten, deren Güte oder Eigenschaften überwiegend oder ausschließlich den geographischen Verhältnissen einschließlich der natürlichen und menschlichen Einflüsse verdankt und das in dem begrenzten geographischen Gebiet erzeugt, verarbeitet und hergestellt wurde.“

Die geschützte geografische Angabe ist flexibler. Hierzu muss der Charakter, Ruf oder die Güte einem geografischen Ursprung „zurechenbar“ sein und einige, aber nicht alle Produktionsphasen in diesem Gebiet stattfinden. Olivenöl aus der Toskana oder schottisches Lammfleisch sind beispielsweise als geografische Angabe geschützt. Beim dritten Zertifikat „garantiert traditionelle Spezialität“ handelt es sich nicht um eine geografische Angabe, aber es folgt ähnlichen Prinzipien. Hier wird kein konkreter Ursprungsort benannt, jedoch versucht, Produkte zu unterscheiden, die anhand definierter traditioneller Produktionsmethoden erzeugt werden. Jamón Serrano (Serrano-Schinken) aus Spanien ist ein Beispiel einer „garantiert traditionellen Spezialität“.

In anderen Ländern wie den USA werden geografische Angaben über das Patentsystem geschützt und eher als geistiges Eigentum, weniger als Programme zum Schutz der Lebensmittelqualität betrachtet, und daher wie Marken behandelt. In den USA werden auf diese Weise Orangen aus Florida, Kartoffeln aus Idaho und Weine aus dem Nappa Valley geschützt.

Abgesehen von den USA und der EU gibt es noch andere bekannte geografische Angaben wie Darjeeling-Tee, Café de Colombia und Tequila, eine von der mexikanischen Regierung geschützte regionalspezifische Bezeichnung für das Getränk, das in der Umgebung der Stadt Tequila hergestellt wird. Diese Zertifikate beruhen auf nationaler und internationaler Basis auf unterschiedlichen rechtlichen Instrumenten und Zertifikationsprogrammen, um sicherzustellen, dass andere Produkte ihren Ruf nicht ausnutzen können.

Von Produzenten geleitet

Im Falle der EU wurde bei der Einführung dieses Registrierungssystems in den 1990er-Jahren argumentiert, dass es hauptsächlich um Verbraucherschutz ginge. Man wollte sicherstellen, dass Verbraucher kein minderwertiges Produkt kauften, das einen anerkannten Namen trug. In Realität hatten nicht Verbraucher, sondern Produzenten den Ansporn dafür gegeben. Insbesondere war dies von Produzenten in den südeuropäischen Ländern ausgegangen, in denen bereit eine Tradition zum Schutz geografischer Angaben und eine starke Produzentenlobby vorhanden waren. Frankreich führte 1905 Gesetze für kontrollierte Ursprungsbezeichnungen ein, die in das System der „Appellation d’origine contrôlée“ (AOC) weiterentwickelt wurden. Auch in Spanien, Italien und Portugal gab es ähnliche Systeme. Hinter registrierten Produkten standen in der Regel Konsortien oder Kooperationen, die die Standards und Grenzen festlegten, unter welchen ein Produkt den Namen tragen durfte. Dieses System unter der Leitung von Produzenten und die bestehenden Strukturen der Kooperation und Vereinbarung der Standards ist das Erfolgsrezept für kollektive geografische Angaben.

Tatsächlich kommen auch heute, 25 Jahre nach der Einführung, bei weitem die meisten registrierten Produkte aus den Mittelmeerländern der EU. In Italien gibt es etwa 300, in Frankreich und Spanien je weit über 200 Produkte. Deutschland und Großbritannien bilden mit je weniger als 100 Produkten die Nachhut, was aus der Tatsache entspringt, dass es in diesen Ländern keine nationale Rechtsprechung oder Kooperativen gab, die gemeinsam einen Standard erarbeiteten und ihr Produkt förderten. Ohne die Rückenstärkung der Produzenten scheint es unwahrscheinlich, dass die anderen EU-Länder je mit den südlichen Mitgliedsstaaten mithalten können.

Vorteile des Schutzes

Theoretisch gesehen bildet der Schutz einer geografischen Angabe eine starke, anerkannte Marke, auf deren Grundlage Produzenten guten Handel treiben können, wohingegen Verbraucher eine Garantie über Güte und Standard des Produkts erhalten. Häufig hat dies dazu geführt, dass Produzenten einen höheren Preis für ihr Produkt verlangen oder es auf einem spezialisierten Markt anbieten konnten.

Meistens dienen sie zum Schutz traditioneller oder „handwerklich gefertigter“ Produkte / Produktionsweisen, was aber nicht bedeutet, dass es sich nur Produktionen mit geringem Umfang handelt. Beispielsweise erzeugen die über 150 Erzeuger im Consorzio del Prosciutto di Parma jährlich mehr als neun Millionen Schinken für den globalen Export. Die geschützte Ursprungsbezeichnung zielt darauf ab, den Lebensunterhalt der Produzenten und ihre traditionellen Produktionsmethoden zu schützen, indem verhindert wird, dass andere Produkte den über Generationen gepflegten Ruf ausnutzen, und indem Verbraucher eine Qualitätsgarantie erhalten.

Generell gesehen können geschützte Ursprungsbezeichnungen einen einem Warenzeichen ähnlichen Schutz bieten, wobei der Vorteil jedoch darin besteht, dass der Name nicht einem Einzelunternehmen gehört. Oft wird sogar verhindert, dass der Name einem Einzelunternehmen gehören kann. Somit werden traditionelle Produktbezeichnungen (oder geografische Angaben), die als Gütezeichen gelten, davor geschützt, von Einzelunternehmen vereinnahmt zu werden. Auch Neulinge können den Namen verwenden. Solange sich Produzenten an die Standards im Zertifikatsantrag halten, kann sie niemand daran hindern, ihr Produkt entsprechend auszuzeichnen. Dies gilt ungeachtet der rechtlichen Mittel.

Die Herausforderungen

Auch bei geografischen Angaben gibt es Herausforderungen und Kontroversen. Die unterschiedlichen gesetzlichen Instrumente und Herangehensweisen zum Schutz geografischer Angaben in unterschiedlichen Rechtsprechungen mit unterschiedlichen gesetzlichen Traditionen und Rahmenbedingungen führen zu Unterschieden im Ausmaß des Schutzes und der Anerkennung der geografischen Angaben. Diese mangelnde internationale Einheitlichkeit bei den geografischen Angaben wirft enorme Komplikationen für eine auf den ersten Blick einfache und effektive Weise auf, unsere althergebrachten Lebensmitteltraditionen zu schützen.

Um ihre geografischen Angaben international durchsetzen zu können, müssen manche Länder sie entweder über Systeme in anderen Rechtsprechungen anmelden oder die Anerkennung der geschützten Bezeichnungen in kollektiven Handelsvereinbarungen oder bilateralen Vereinbarungen mit anderen Staaten aushandeln. Es bestehen zwar viele internationale Vereinbarungen für die gegenseitige Anerkennung geografischer Angaben. Allerdings haben unterschiedliche Einstellungen dazu geführt, dass sie bei internationalen Handelsvereinbarungen insbesondere zwischen der EU und der USA zum Streitpunkt wurden. Die USA erachtet das europäische System als protektionistisch und hat dies bei der Welthandelsorganisation angefochten. Trotzdem schützt und fördert die EU mit diesen Angaben nicht nur weiterhin traditionelle Lebensmittel und Agrarprodukte in den eigenen Mitgliedsstaaten. Durch die Verhandlung vieler bilateraler Vereinbarungen mit Importländern wurde der Schutz ausgeweitet. Das bedeutet wiederum, dass die EU häufig geografische Angaben auf bestimmten Produkten anerkennt und schützt, die in die EU importiert werden.

Tatsächlich ist die EU sogar noch einen Schritt weitergegangen und hat es Produkten aus Ländern außerhalb der EU ermöglicht, den Schutz unter dem EU-System zu nutzen. Bei einem der ersten auf diese Weise geschützten Produkte handelt es sich um Café de Colombia, der 2007 von der Federación Nacional de Cafeteros de Colombia (FNC) als geschützte geografische Angabe registriert wurde. Am Beispiel Café de Colombia lässt sich gut erkennen, wie kompliziert und umständlich es sei kann, eine geografische Angabe zu schützen. Die FNC verwendet viele unterschiedliche Zertifikationsprogramme, Güte- und Warenzeichen, um den Namen rund um die Welt zu schützen. Aber auch hier standen wieder ein vorhandener starker nationaler Rahmen und eine Gruppe unter Leitung von Anbauern mit einem etablierten Produktionsstandard im Hintergrund. Die FNC gibt an, dass die Registrierung „zur Förderung und zum Schutz ihres Ursprungslands auf internationalen Märkten“ dienen sollte.

In einer Ära des Freihandels und der Dominanz großer Konzerne und Marken können geografische Angaben wichtige Mittel zum Schutz althergebrachter Lebensmitteltraditionen sein. Bei richtiger Förderung und angemessenem Schutz haben sie sich effektiv beim Erschließen von Nischenmärkten und der Erhöhung der Margen für Produzenten erwiesen. Sie sorgen für eine gewisse Gleichberechtigung und verhindern, dass langjährige Reputationen nicht aufgekauft werden können.

Aber geografische Angaben sind alles andere als einfach. Die Registration kann sich zu einem langwierigen und bürokratischen Prozess ausarten, einzelne Länder müssen über die Ressourcen und den Willen verfügen, ihnen den Rücken zu stärken und ihre Anerkennung auf internationaler Ebene auszuhandeln, und ihre Zukunft bleibt ungewiss, da sie bei großen Handelsabkommen unbeliebt sind.

Von sehr hohem Wert ist jedoch der Rahmen hinter den erfolgreichsten geografischen Angaben: das Kooperativensystem unter Leitung der Produzenten, das dafür sorgt, dass traditionelle Produktionsmethoden streng geschützt und am Leben erhalten werden, dass ein Produkt großen Produktionsumfang haben und doch seine Handwerkskunst bewahren kann, und dass etwas so schwer zu greifendes wie „Terroir“ immer noch geschätzt wird.

RUTH HEGARTY ist die Gründerin von egg&chicken, einer Lebensmittel-Projektmanagement- und Beratungsagentur in Irland. Sie ist außer dem die Community-Leiterin für das Chef Network, eines professionellen Netzwerks für Chefköche in Irland.

Geografische Angaben im Vergleich zu Warenzeichen: Der Fall Äthiopien

Geografische Angaben haben zwar ihre Vorteile, sind aber nicht für alle Produzenten oder alle Länder geeignet.

Anfang der 2000er-Jahren wollte die äthiopische Regierung einige seiner bekanntesten Kaffeesorten – Harrar, Sidamo und Yirgacheffe – schützen. Die Wahl fiel auf unterschiedliche geistige Eigentumsrechte, mit denen das Eigentum an den Namen geschützt und ein Missbrauch verhindert werden sollte.

Geleitet wurde das Unterfangen vom Ethiopian Fine Coffee Stakeholder Committee, einem Konsortium an Kooperativen, Exporteuren und dem äthiopischen Amt für geistiges Eigentum (EIPO). Es wurde vereinbart, dass die beste Vorgehensweise darin bestehen würde, die kommerziellen Ursprünge des Kaffees über die Anmeldung von Warenzeichen zu schützen. Geografische Angaben waren keine praktische Lösung für ein Land, in dem Kaffee von etwa 600.000 unabhängigen Farmen auf über vier Millionen Parzellen angebaut wird, befand der Ausschuss.

Während das amerikanische Patentamt, das United States Patent and Trademark Office (USPTO), Äthiopiens Antrag auf die Anmeldung von Yirgacheffe als Warenzeichen annahm, wurden die Anträge für Harrar und Sidamo 2005 und 2006 nach Einwänden der National Coffee Association (NCA) abgelehnt. Die NCA argumentierte, dass die beiden Bezeichnungen zu weit gefasst und daher für eine Anmeldung unter den US-amerikanischen Warenzeichengesetzen unzulässig waren.

Die Starbucks Coffee Corporation bot der EIP Hilfe dabei an, ein Zertifikationssystem einzurichten, nach dem äthiopische Farmer ihren Kaffee als geografische Angaben vermarkten könnten. Aber das Stakeholder Committee blieb bei seiner Ansicht, dass ein derartiges System für Äthiopien nicht praktisch und zu teuer wäre. Später wurde eine Lösung gefunden. Starbucks unterschrieb freiwillige Warenzeichenlizenzvereinbarungen, mit denen Äthiopiens Eigentum an den Bezeichnungen Harrar, Sidamo und Yirgacheffe anerkannt wurde. Das USPTO hat Harrar 2006 ein Warenzeichen gewährt, Sidamo folgte 2008. Die Warenzeichen wurden auch anderenorts angemeldet, u. a. in der EU.