Brauen im Land der langen weißen Wolke

EEine Studie der Craft-Bier-Bewegung in Neuseeland

Artikel und Fotos: MATTHEW CURTIS

In der Bierbranche gilt Neuseeland als großes Hopfenanbaugebiet. Die Hopfensorten der neuen Welt weisen typischerweise viel Geschmack und Aroma auf. Die meisten Sorten werden in der Region Nelson im Norden der Südinsel kultiviert. Nelson Sauvin wird aufgrund seiner an Passionsfrucht und Stachelbeeren erinnernde Eigenschaften hochgeschätzt, die den Sauvignon Blanc-Trauben der Neuen Welt nicht unähnlich sind, und ihn zu einer der gefragtesten Hopfensorten der Welt machen.

Hopfen wird auf der ganzen Welt kultiviert, und das Anbaugebiet definiert häufig den Geschmack des Hopfens. Britischer Hopfen ist für seine erdigen, würzigen Eigenschaften bekannt, während der europäische Edelhopfen für die grüne, kräuterartige Note geschätzt wird. Nordamerikanischer Hopfen liefert kräftige, lebhafte Zitrusnoten, und australischer Hopfen ist wegen seines fruchtig-tropischen Geschmacks beliebt.

Bierbrauer wie -trinker wissen den neuseeländischen Hopfen besonders wegen der Breite und geschmacklichen Vielfalt zu schätzen, die er erzeugen kann. Von den sanften Gewürz- und Melonennoten des Motueka bis zum sehr bitteren Green Bullet – Neuseeland hat eine Hopfensorte für jeden Anlass zu bieten, was das Land auf der globalen Bierkarte aufsteigen ließ.

Die Craft-Bier-Bewegung begann Ende der 1980-er und Anfang der 1990-er Jahre in den USA, bevor sie Anfang der 2000-er Jahre richtig in Fahrt kam. Als Präsident Jimmy Carter 1978 das Verbot auf Heimbrauen aufhob, begannen sich in ganz USA viele Brauereien zu entwickeln. Diese neuen Brauereien ließen sich vor allem von den traditionellen belgischen Bieren und britischen Ales sowie den klassischen hellen Biersorten Deutschlands und der Tschechischen Republik inspirieren.

Aber es waren die lebhaft aromatischen amerikanischen Hopfensorten wie Cascade mit einer Grapefruit-Note, die diese frühen amerikanischen Craft-Biersorten so typisch machten. Diese modernen, bitteren, hoch aromatischen hellen Biersorten würden sich letztendlich zum Kern der Craft-Bierkultur entwickeln und auf der ganzen Welt beliebt machen.

Die Entwicklung von Craft-Bier in Neuseeland hat viele Parallelen mit der USA. Sie begann in den 1980-er und 1990-er Jahren mit Pionieren wie Terry McCashin, Gründer der McCashin’s Brewery und Richard Emerson der Emerson Brewery. Sie gründeten die ersten Brauereien, die den folgenden Boom inspirierten. Beide haben sich in ihrem Heimatland stetig zu bekannten Marken entwickelt. Auf diesen Anfängen hat sich eine dynamische Heimbrau-Gemeinde entwickelt, und viele dieser Heimbrauer haben schließlich ihre eigenen Brauereien gegründet.

Dank des neuseeländischen Erfindergeists und der Tatsache, dass schlechtes Bier keinen Fuß fassen kann, ist der Standard der Biere, die von dieser neuen Welle an Craft-Brauern erzeugt wurde, sehr hoch. Vor der Beliebtheit von Craft-Bier war der neuseeländische Markt von hellen Bieren wie Steinlager und dem überall anzutreffenden „NZ Draught“ dominiert. Mit dieser Sammelbezeichnung wurden sehr helle Biere mit wenig Geschmack wie die Marken Tui oder Lion Red bezeichnet.

Heute ist Neuseeland ein Mekka für gutes Bier. Einige der beliebtesten Craft-Biersorten wie Garage Project und Tuatara finden allmählich auf der ganzen Welt Anklang. Auch neuseeländischer Hopfen wird von Brauern auf der ganzen Welt geschätzt und exportiert. Vertragshopfen werden Jahre im Voraus bestellt. Berichten zufolge kauft die britische Brauerei BrewDog jährlich etwa 40 % der gesamten Nelson Sauvin-Ernte ein.

Da Neuseeland eine relativ kleine Bevölkerung hat – etwa vier Millionen Einwohner – konnte sich Craft-Bier schneller als in anderen Ländern verbreiten. Aber was kann die Kaffeebranche vom Erfolg der neuseeländischen Craft-Bierindustrie lernen? Ich habe mit Jono Galuszka, neuseeländischem Bierkritiker und Kaffeeliebhaber, gesprochen, um einen Eindruck über den Unterschied zwischen den beiden Szenen zu gewinnen.

„Ich habe den Eindruck, dass sich die Kaffee- und Bierkultur in Neuseeland auf ähnliche Weise wie unsere Weinkultur entwickelt hat“, so Jono. „Früher war das alles recht anspruchslos – löslicher Kaffee, NZ Draught, Wein aus dem Karton. Das wurde dann alles besser, als Erzeuger begannen, tatsächlich wohlschmeckende Produkte herzustellen.

„Das Beste an den der Kaffeeszene in Neuseeland ist, wie normal guter Espresso geworden ist. Sogar die großen Tankstellen achten darauf, dass ihre Baristas hervorragend sind und Ihnen auch um 2 Uhr morgens noch einen Killerkaffee servieren können. Sogar in den kleinsten Städten findet man kaum mehr schlechten Kaffee.“

Neuseeländischer Hopfen wird von Brauern auf der ganzen Welt geschätzt und exportiert. Vertragshopfen werden Jahre im Voraus bestellt. Berichten zufolge kauft die britische Brauerei BrewDog jährlich etwa 40 % der gesamten Nelson Sauvin-Ernte ein.

Jos Ruffell ist einer der Mitgründer der Garage Project Brewery in Wellington – einer der erfolgreichsten Craft-Brauereien in Neuseeland. Jos ist selbst ein Kaffeeliebhaber, und Garage Project produziert regelmäßig Kaffeebiere wie Dark Arts – ein Bock, der mit viel kaltem Filterkaffee pro Charge gebraut wird. Ich habe ihn gefragt, was die Kaffeekultur vom Bier lernen könnte.

„Die Parallelen zwischen der Kaffee- und Bierkultur in Neuseeland liegt in der Bereitschaft zu erkunden, experimentieren und etwas Neues auszuprobieren“, kommentiert Jos. „Ich würde auch sagen, dass uns unsere abgeschiedene Lage dazu zwingt, unsere Ideen und Inspirationen jenseits von Neuseeland zu suchen. Daher durchforsten wir die Welt nach dem Besten, bringen es nach Neuseeland zurück und verleihen ihm unsere ganz einzigartige Note.“

Er meint weiter: „Das wichtigste, dass die Kaffeekultur von Neuseeland – und der ganzen Welt – von der neuseeländischen Bierkultur lernen könnte, besteht darin, dass man sich auf gewisse Weise ständig neu erfinden muss. Es reicht auch nicht aus, nur eine Sache exzellent zu machen. Sie brauchen das gesamte Paket und müssen ein Publikum aufbauen, das eine Leidenschaft für Ihren Ansatz und Ihre Philosophie entwickelt.“

Beth Brash gehört zu den Organisatoren des beliebten Beervana Craft-Bierfestes in Neuseeland – aber zuvor war sie in der Kaffeebranche tätig. Was Beths Meinung nach die Bierindustrie von der Kaffeeindustrie abhebt, ist die Kameradschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl.

„Zwischen beiden Branchen sehe ich einen großen Unterschied. Bei Bier kann man in eine Kneipe gehen, und dort sind jederzeit mindestens fünf oder sechs Brauereien an den Zapfhähnen vertreten“, erklärt sie. „Das bedeutet, dass sie nicht gegen einander im Wettbewerb stehen – sie sind befreundet, sie helfen einander aus, sie leihen sich Ausrüstung, Wissen und Malz! Beim Kaffee gibt es so etwas nicht.“

„Normalerweise kämpft man darum, der alleinige Kaffeelieferant für ein Café zu sein. Im Laufe der Jahre hat das dazu geführt, dass nicht die Besten an die Spitze kamen, sondern aggressive Unternehmen oder diejenigen, die durch unfaire Handelspraktiken mehr Geld machten und so beispielsweise Cafés kostenlose Maschinen und Mühlen anbieten konnten.“

Natürlich gibt es auch in der Bierbranche ähnliche Probleme wie in Beths Beispiel, also größere Brauereien mit größeren Budgets, die sich auf der Szene ausbreiten. Aber die Craft-Bierindustrie hebt sich aufgrund ihrer Zusammengehörigkeit und gegenseitigen Unterstützung vom Kaffee ab. Jos Ruffell vom Garage Project stimmt dem zu.

„Die Kollegialität in der Craft-Bier-Kultur ist fantastisch. Man hat das Gefühl, eine große Familie zu sein, mit viel Energie und Leidenschaft auf beiden Seiten der Branche – ob Brauer oder Genießer.“

„Die Menschen machen den Unterschied“, findet Beth Brash. „Es sind die Menschen, die es servieren, wo das Bier serviert wird, und am wichtigsten, wer es trinkt. Ich liebe an der neuseeländischen Craft-Beer-Kultur, dass sie ganz einfach Spaß macht. Sie nimmt sich nicht zu ernst, egal ob es um die Herstellung, das Servieren, die Lokalitäten und am wichtigsten die Verbraucher geht!“